Raban und der riesengroße Schatten
8 Buchseiten · etwa 6 Minuten zum Vorlesen

Ein neuer Morgen
Kikeriki! Die Sonne schaute über die Hügel und kitzelte das Waldrandhaus wach. Fino öffnete die Tür. Milla spitzte die Ohren. Elli war schon unterwegs. Und Raban? Der hatte natürlich längst etwas entdeckt.
Neuer Tag, neue Geschichte, neues Abenteuer!
„Heute bleiben wir bis zum ersten Stern draußen“, verkündete Raban. „Ich kenne mich nämlich sehr gut mit der Nacht aus.“ Dora lächelte. „Dann hänge ich später die Gartenlaterne auf.“ Elli wollte wissen, ob Sterne Nüsse essen. Das wusste auch Raban nicht.
Warten auf den ersten Stern
Der Tag verging mit Spielen und einem besonders langen Mittagessen. Gegen Abend stellten sie eine Bank in den Garten. Die Hügel wurden blau. Im Dorf leuchteten die ersten Fenster.
Dora hängte die Laterne unter das Vordach. Neben der Bank stand ein Blumentopf. Darin wuchs eine große Sonnenblume, die ihren Kopf ein wenig hängen ließ.
„Die ist schon müde“, sagte Milla. Elli setzte sich auf die Bank. Raban spazierte auf der Lehne hin und her. „Sobald der Stern kommt, melde ich ihn. Laut und deutlich.“
Etwas bewegt sich an der Wand
Ein Windstoß strich durch den Garten. Die Sonnenblume wackelte. An der hellen Gartenwand bewegte sich etwas riesengroßes Dunkles.
Es hatte einen runden Kopf, einen langen Hals und zwei seltsame Arme.
Raban duckte sich hinter Fino. „Ich prüfe nur kurz, ob hier hinten alles sicher ist“, flüsterte er.
Elli verstummte. Milla rückte näher an Fino heran. Wieder bewegte sich der dunkle Kopf. „Ich glaube“, sagte Raban sehr leise, „unser Stern ist ein bisschen zu groß geworden.“ Fino blieb stehen und schaute genau hin.
Ein mutiger Satz
Dora kam mit einer Decke aus dem Haus. „Was seht ihr denn?“
„Da“, sagte Raban. Er zeigte mit einer Flügelspitze zur Wand. „Ich … ich finde das gerade unheimlich.“
Fino nickte. „Ich auch ein bisschen. Wir schauen zusammen.“ Niemand lachte über Raban. Milla nahm die Decke an einem Zipfel. Das fühlte sich gleich gemütlicher an.
Elli betrachtete den langen dunklen Hals. Dann die Sonnenblume. Dann wieder die Wand. „Der hat dieselbe Frisur wie unsere Blume“, sagte sie. Raban spähte vorsichtig hinter Finos Schulter hervor.
Die Blume und ihr Doppelgänger
Dora drehte den Blumentopf ein kleines Stück. An der Wand drehte sich der riesige Kopf mit. Elli winkte einem Blatt zu. Der dunkle Arm winkte ebenfalls.
„Es ist ihr Schatten!“, rief Milla.
Raban kam langsam hervor. „Eine Blume mit einem sehr großen Zweitwohnsitz.“
Fino stellte sich zwischen Laterne und Wand. Plötzlich hatte auch er einen riesigen Schatten. Seine Ohren reichten fast bis zu den oberen Steinen. Elli kicherte. „Fino, du bist gewachsen!“ Fino schaute an sich herunter. „Zum Glück passt meine Weste noch.“
Groß, klein und wieder groß
Dora blieb bei der Laterne. Fino ging näher zur Wand. Sein Schatten wurde kleiner. Als er wieder näher zum Licht kam, wurde er groß.
Jetzt wollte Elli es ausprobieren. Sie hob ihren buschigen Schwanz. An der Wand sah er aus wie ein riesiges Federbett. Milla streckte beide Pfoten hoch. Raban legte den Kopf schief.
„Eine Maus mit Geweih!“, rief er. Milla lachte und bewegte die Ohren. Dora hielt die Decke fest, damit sie nicht in die Laterne wehte. An der Wand entstand ein kleines Theater. Ganz ohne Bühne.
Raban bekommt große Flügel
Schließlich stellte Raban sich vor die Wand. Er breitete seine Flügel aus. Der Schattenrabe war so groß wie keiner seiner Zeichnungen im Abenteuerbuch.
„Seht ihr?“, sagte er stolz. „So sehe ich innerlich aus.“ Elli prustete los. Sogar Dora musste lachen.
Raban blieb noch einen Moment stehen. Dann faltete er die Flügel zusammen. „Und vorhin hatte ich trotzdem Angst.“
„Beides geht“, sagte Fino. Milla zog die Decke um ihre Schultern. Der Garten war jetzt richtig dunkel. Aber nicht mehr so unheimlich.
Der Stern kommt doch noch
„Da!“, flüsterte Elli. Über den Hügeln leuchtete ein kleiner Punkt. Der erste Stern war endlich da. Raban meldete ihn diesmal ganz leise.
Später malten sie die Sonnenblume ins Abenteuerbuch. Daneben kam ihr riesiger Schatten. Raban zeichnete noch einen winzigen Stern in die Ecke.
„Morgen bin ich wieder mutig“, sagte er. Dora strich die Seite glatt. „Heute hast du uns gesagt, dass du Angst hast. Das war schon mutig.“
Raban betrachtete den Stern auf der Seite. Dann gähnte er. Und diesmal ging der Nachtkenner als Erster ins Bett.
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